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Experteninterview zum Thema Erneuerbare Energiedebatte

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Andrea Haaser

Experteninterview zum Thema Erneuerbare Energiedebatte mit Herrn Robert Doelling von Energie-experten.org

Frage 1)
Was halten Sie von der momentanen Energiedebatte?

Experte: Grundsätzlich finde ich es gut, dass man über die Energiewende spricht und die Diskussion nach dem Atomausstiegsbeschluss nicht ad acta legt. Die Energiewende ist ein stetiger Prozess, in dem jeder seinen Beitrag leisten muss. Sei es eine neue Photovoltaikanlage auf dem Hausdach oder das gezielte Strom- und Heizwärmeeinsparen. Was ich nicht gut finde ist, dass die Politik sich mit dem Thema profilieren will und nur polemisierend argumentiert. Dies vermittelt den Bürgern und Bürgerinnen ein falsches Bild der Energiewende und liefert nur Stammtischparolen, die keinem etwas nützen. Zudem wird die Energiewende seitens der Politik nur mit der Kostenfrage im Stromsektor gleichgesetzt. Die Energiewende ist jedoch viel mehr. Die Gesellschaft profitiert langfristig nicht nur wirtschaftlich, sondern die Umwelt und das Klima werden auf Generationen hin geschützt. Das ist viel mehr Wert und wird gerne unter den Teppich gekehrt. Außerdem warten im Wärme- und auch Mobilitätssektor noch wesentlich größere Aufgaben auf die Politik, da hier ein ebenso immenses Einspar- und Klimaschutzpotenzial schlummert. Dies wird nur sehr stiefmütterlich thematisiert und geregelt. Hier würde ich mir eine wesentlich facettenreichere und ehrlichere Diskussion wünschen.

Frage 2)
Wie wird die Energieversorgung Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren aussehen?

Experte: Die Energieversorgung der Zukunft wird die dezentralen Potenziale viel besser nutzen. Das heißt, dass an der Küste typischerweise Windräder, in den Alpen Wasserkraft, in der Fläche Biogasanlagen, auf den Dächern PV-Anlagen, in innerstädtischen Kellern Schwarm-BHKW uvm. zum Einsatz kommen. Intelligent miteinander und mit dem Verbraucher verknüpft lässt sich so die konventionelle Energieerzeugung in zentralen Großkraftwerken sukzessive ersetzen. Diese Entwicklung wird in den kommenden Jahren mit dem Ausbau Erneuerbarer Energien noch vergleichsweise einfach umzusetzen sein. Irgendwann muss aber die Energieeffizienz in allen Bereichen Einzug halten. Das heißt dann vor Allem effiziente und intelligente Heiz-, Haus- und Verkehrstechnik. Nur so lässt sich der immer weiter steigende Energiebedarf drosseln.

Frage 3)
Wie hoch werden die Strompreise noch steigen?

Experte: Zuerst muss hierzu gesagt werden, dass die EEG-Umlage nicht wie so oft angeführt alleine für die Stromkostensteigerungen der letzten Jahre verantwortlich ist. Im Verhältnis trieben auch die eigentlichen Erzeugungskosten und auch weitere Strompreisbestandteile die Kosten nach oben. Meiner Meinung nach ist die Liberalisierung des Strommarktes nur bei der Distribution angekommen. Bei der Erzeugung dominieren nach wie vor monopolistische Strukturen, die tendenziell zu unnötig höheren Preisen führen. Dazu kommt, dass auch Mechanismen wie der CO2-Handel bisher – politisch gewollt - nicht greifen. Werden weiterhin die Großverbraucher geschont und immer wieder Ausnahmen gemacht, könnte ich mir vorstellen, dass wir auch in den kommenden Jahren mit weiter steigenden Stromkosten für Endverbraucher rechnen müssen.

Frage 4)
Was könnte Deutschland Ihrer Meinung nach noch unternehmen, um die Erneuerbaren Energieressourcen lukrativer für Bürger zu gestalten?

Experte:Ich denke, ein wichtiger Punkt ist, die Bürger am Ausbau der Erneuerbaren stärker zu beteiligen. Und dies sowohl hinsichtlich der Mitspracherechte als auch der finanziellen Beteiligung. Zum einen müssen Bürger wesentlich früher in die Planungen neuer Windkraftanlagen oder Stromnetze einbezogen werden und offen und ehrlich informiert werden. Dies steigert die Akzeptanz neuer Projekte. Zum anderen sollten die Kommunen finanziell stärker profitieren. Soll z. B. eine neue Stromtrasse umgesetzt werden, so sollte die Kommune noch stärker von der Gewerbesteuer profitieren als bisher. Wenn der Bürger sieht, dass die Gemeinde profitiert und Gelder für das Gemeinwesen frei werden, steigt wiederum der Rückhalt in der Bevölkerung. Und daneben sollten mehr Projekte als Bürgerenergiegenossenschaften organisiert werden. So hätten Bürger zumindest die Möglichkeit, sich finanziell zu beteiligen und auch direkt zu profitieren. Daneben gibt es viele interessante Ansätze wie z. B. Arbeitsplätze in den Kommunen geschaffen werden können und Aufträge vor Ort vergeben werden. Das alles muss noch viel stärker fokussiert werden, um die Bürger stärker zu integrieren und zu beteiligen.

Frage 5)
Was halten Sie von der "Strompreis-Sicherung" des Umweltministers?

Experte: Der sogenannten Strompreis-Bremse von Herrn Altmaier wurde ja schon nach wenigen Tagen selbst aus den eigenen Reihen keinerlei Umsetzungschance zugebilligt. So sehe ich das auch. Das Konzept setzt völlig falsch an und schlägt zudem unausgegorene Maßnahmen vor. Herr Altmaier hat sich mit seinem Konzept keinen Gefallen getan. Hatte er bisher noch den Ruf, die Energiewende wirklich umsetzen zu wollen, so hat er jetzt gezeigt, dass er auch bereit ist, rein aus wahlkampftaktischen Gründen, die Energiewende über den Haufen zu werfen. Ein schönes Statement lieferte ein CDU-Mitglied der Bundesregierung: Altmaiers Strompreis-Bremse sei das beste Argument die SPD zu wählen.

Frage 6)
Inwiefern glauben Sie, dass Bürger bereit sind, die hohen Kosten für "sauberen" Strom zu bezahlen?

Experte:Für mich persönlich gesprochen bin ich sicherlich nicht unbegrenzt gewillt, immer höhere Preise für Strom zu zahlen. Jedoch hat das nur wenig mit den Preisen für Ökostrom zu tun. Ökostrom ist an der Börse zeitweise günstiger als Kohle- oder Atomstrom. Und wenn man sich die Strompreise für Endkunden anguckt, so besteht vielfach kein großer Preisunterschied mehr zwischen normalem Strom und Ökostrom.

Frage 7)
Und wieviel würden Sie bezahlen?

Experte: Ich denke, dass die derzeitige Höhe der Strompreise für die Allermeisten noch kein wirkliches Problem darstellt. Das zeigt auch die immer noch geringe Wechselquote von den teuren Grundversorgungstarifen in günstigere Sonderverträge. Ich selbst habe auch nicht wegen der hohen Strompreise den Anbieter gewechselt, sondern weil ich wirklich echten Ökostrom beziehen wollte, der vom Anbieter auch produziert wird und der auch selbst wieder in Erneuerbare Energien investiert.

Frage 8)
Warum sollen Bürger die Mehrkosten bezahlen und nicht die internationalen Unternehmen, die Atommüll entsorgen?

Experte:Es hätte wohl keiner was dagegen, wenn die Verursacher des Atommülls auch die Entsorgung und den Rückbau der Atomkraftwerke bezahlen.

Frage 9)
Wie würden Sie als Experte diese Situation lösen?

Experte: Ich würde per Gesetz beschließen lassen, dass derjenige, der den Müll produziert, auch für dessen Entsorgung und sämtliche Folgekosten aufkommt. Dies ist ja in allen anderen Wirtschaftsbereichen auch mehr oder weniger der Fall. Nur bei der Atomindustrie gibt es haarsträubende Ausnahmen, die Kosten zu sozialisieren und die Gewinne zu privatisieren.

Frage 10)
Wirken sich die Änderungen der Energieförderprogramme auf die Verkaufszahlen von Solar- und Photovoltaikanlagen aus?

Experte:Nicht unbedingt. Die Höhe der Förderung stand bisher trotzdem in einem wirtschaftlichen Verhältnis zu den Kosten. Vielmehr ist es die Verunsicherung von Investoren durch immer neue Änderungen am EEG, die dazu führen, dass der Zubau von PV-Anlagen immer wieder stark schwankt und Monate mit nur sehr geringem Absatz mit sich bringt. Die Verlässlichkeit des EEG war meiner Meinung nach auch die große Stärke des Programms. Das sieht man auch daran, dass trotz kontinuierlicher Absenkung der PV-Zubau weiter geht. Nur in den Monaten in denen Politiker meinen „den großen Wurf“ landen zu müssen, gehen Firmen pleite, weil alle auf die Umsetzung von EEG-Änderungen warten. Das hat sicher mehr kaputt gemacht als die Absenkung der Förderhöhe.

Ich bedanke mich vielmals bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben um meine Fragen zu beantworten.

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Andrea Haaser